Besser reisen, ohne es zu merken   

Nachhaltiger reisen ohne Verzicht: 8 Reiseziele zeigen wie es geht

Besser reisen, ohne es zu merken    

Ein klimafreundlicherer Urlaub gilt als teurer und unbequem, das muss er aber nicht sein. Zahlreiche Destinationen in den Alpen und darüber hinaus haben Nachhaltigkeit in verschiedenen Formen in den (Urlaubs-)Alltag eingebaut. 

Die meisten Deutschen wollen umweltfreundlicher reisen. Tun es aber nicht. Nicht aus Gleichgültigkeit. Zwei Drittel finden ökologische und soziale Kriterien bei der Urlaubsplanung wichtig, so viele wie nie zuvor. Aber nur jeder 15. handelt danach. Der Präsident des Umweltbundesamts, Dirk Messner, nennt das einen „deutlichen Widerspruch zwischen Haltung und Verhalten“ (UBA/FUR-Studie, Oktober 2025). Stattdessen fliegen die Deutschen so viel wie nie – das Flugzeug hat das Auto als beliebtestes Reisemittel abgelöst. Die durchschnittliche Reisedistanz pro Urlaubstag liegt bei 143 Kilometern.  

Die Lücke zwischen Wollen und Tun füllen drei Vorurteile: zu teuer, zu unbequem, zu moralisch. Nachhaltiger Urlaub klingt nach Verzicht und Aufpreis, nach Jutebeutel und Kompost-Toilette. Dabei ist klimafreundlicheres Reisen oft die bequemere Option: autofreie Bergdörfer, Bahnanreise als Teil des Erlebnisses, Gondeln auf Knopfdruck. Und seit die Kerosinpreise durch geopolitische Krisen gestiegen sind und die Ticketpreise angezogen haben, manchmal sogar die günstigere. Sieben Orte in Europa zeigen, wie das geht. Und selbst in Übersee gibt es Möglichkeiten, der Natur etwas zurückzugeben. 

#1 Serfaus-Fiss-Ladis: Wo das Auto stehen bleiben darf 

Mit der Gondel geht es lautlos durch die Bergwelt von Serfaus-Fiss-Ladis – inklusive Panoramablick auf die Tiroler Alpen. © SFL Marketing GmbH, Andreas Kirschner

Drei charmante Bergdörfer auf einem sonnigen Hochplateau, oberhalb des oberen Tiroler Inntals, zwischen 1.200 und 3.000 Metern Höhe. Die Gipfel der Samnaungruppe und der Ötztaler Alpen bilden das Panorama. Und mitten in dieser Kulisse hat die Region Serfaus-Fiss-Ladis etwas Bemerkenswertes geschafft: Seit 1985 fährt hier die kleinste und höchstgelegene, auf Luftkissen schwebende U-Bahn der Welt und transportiert bis zu 3.000 Personen pro Stunde zur Seilbahn-Talstation. Zwischen Serfaus, Fiss und Ladis pendelt zudem ein E-Wanderbus und zehn Gondelbahnen erschließen das Gebiet. In den Bergrestaurants und auf den Hütten kommt das Essen größtenteils von den Landwirten in der Region. Bergbahnen und Landwirte arbeiten seit Jahren eng zusammen, die Milch, die Butter und der Käse stammen von Kühen, die man von der Gondel aus sehen kann. Wer einmal angekommen ist, merkt schnell: Während des Aufenthalts ist das Auto der überflüssigste Gegenstand. 

#2 Erlebnisregion Graz: Nachhaltig, ohne dass es jemand erwähnt

Mit Startpunkt Graz führen Genussrad-Touren in die grüne Landschaft der Steiermark. (c) Region Graz – Erwin Haiden  
  

Die Erlebnisregion Graz bringt Stadt und Land in zehn Minuten zusammen. Über 65 Prozent der Fläche der einzigen GenussHauptstadt Österreichs und City of Design bestehen aus Grünraum. Gleich hinter dem Stadtrand warten Wiesen und Felder, auf denen regionale Produkte wachsen. Was die Landwirte der Region ernten, verkaufen sie frisch auf rund 20 Bauernmärkten in der Stadt oder an die Partner-Restaurants in Stadt und Land. 18 Genussradtouren und 35 Wanderwege führen großteils ausgehend von Graz zu besonderen Sehenswürdigkeiten oder Aktivitäten im Umland und sind mit den Öffis gut angebunden, zum Teil elektrobetrieben. Im Herzen der Region, der autofreien UNESCO-geschützten Grazer Altstadt, riecht es nach frisch geröstetem Kaffee statt nach Abgasen. Das Konzept ist nicht laut, nicht dogmatisch, nicht auf Schildern erklärt. Es ist einfach die Art, wie diese Stadt gebaut und gedacht ist. 

#3 Flims Laax: Gondel auf Abruf

Per Gondel auf Abruf ins Weltnaturerbe: Zwei Wanderer auf dem Segnesboden.  © FlemX Ba Flims Laax | Nicholas Illiano

Eine Gondel auf Knopfdruck? Das gibt es seit Dezember 2023 in der Region Flims Laax. Der FlemX wartet nicht auf einen Fahrplan. Er wartet auf Menschen. Vollautomatisch und bedarfsgesteuert. Die Gondeln rotieren nur am Seil, wenn jemand einsteigt, und bringen Gäste in 24 Minuten von 1.100 auf 2.500 Meter. Mit bis zu 50 Prozent weniger Energieverbrauch als konventionelle Systeme. Mit der Eröffnung der letzten Sektion Segnes–Ils Cugns im vergangenen Winter ist das Gebiet um den Oberen Segnesboden, das sich mitten im UNESCO-Weltnaturerbe Tektonikarena Sardona befindet, erstmals seit über zehn Jahren wieder per Bergbahn für Wanderer erreichbar. Aber die Gondelbahn ist nur das Sichtbarste. Dahinter steht Greenstyle, der Dachbegriff für eine Strategie, die Energie, Mobilität, Naturschutz und Kreislaufwirtschaft systematisch verzahnt. Die Region will bis 2030 klimaneutral werden – aus eigener Kraft, ohne CO₂-Kompensation. Plus-Energie-Bauten, Mehrwegsysteme am Berg und eine wachsende Ladeinfrastruktur machen sichtbar, worum es geht: nicht um ein Programm, sondern um gebaute Infrastruktur. 

#4 Seefeld: Wo der Zug direkt am Wanderweg hält

Direkt vom Zug auf den Wanderweg: In der Region Seefeld beginnt das Naturerlebnis ohne Umwege. © Region Seefeld_Eva Beer   

Es gibt Orte, an denen Urlauber am ersten Tag eine gefühlte Ewigkeit brauchen, um den Ticketautomaten für den Nahverkehr zu verstehen. Nicht in der Region Seefeld. Das Tiroler Plateau auf 1.200 Metern liegt direkt an der Bahnstrecke. Wer mit dem Zug anreist, steigt am Bahnhof Seefeld oder Reith aus und kommt bereits mit der Buchungsbestätigung kostenlos per Bus zur Unterkunft. Ab dem Check-in übernimmt die PlateauCard und damit: vier Buslinien zu den Wanderrouten, der Wildmoosbus ins gleichnamige Naturidyll und die Regionalbahn bis Scharnitz. Alles inklusive, kein Ticket nötig, 365 Tage im Jahr. Die fünf Orte Seefeld, Leutasch, Mösern, Reith und Scharnitz sind damit komplett vernetzt. Finanziert wird das über die Ortstaxe von fünf Euro pro Nacht. Einmal im Jahr wird die Kulisse auch gepflegt: Bei der Clean Up Plateau Challenge im Leutaschtal sammelten zuletzt rund 190 Freiwillige 880 Kilogramm Müll ein – organisiert vom Bauhof in Kooperation mit dem Tourismusverband. Kein Sponsoren-Event. Einfach Leute, die ihren Ort sauber halten. 

#5 Zell am See-Kaprun: Einfach aus Überzeugung

Mit der 3K K-onnection schweben Gäste vor beeindruckender Hochgebirgskulisse direkt zum Kitzsteinhorn. © Kitzsteinhorn 

Die Natur hier ist keine Kulisse. Sie ist der Grund, warum Menschen nach Zell am See-Kaprun reisen. Und warum jene, die hier leben, seit Jahren konsequent daran arbeiten, sie zu erhalten. Nicht laut, nicht als Kampagne, sondern als stille Selbstverständlichkeit. Seit Herbst 2025 ist Zell am See-Kaprun mit dem Österreichischen Umweltzeichen für Tourismusdestinationen zertifiziert. Das klingt nach Plakette. Es ist das Gegenteil: ein überprüfbarer Beleg für das, was in der Region längst Praxis ist. Und das zeigt sich an Schmittenhöhe und Kitzsteinhorn. Dort laufen Seilbahnen und Lifte mit 100 Prozent erneuerbarem Strom. Die Schmittenhöhebahn AG lässt ihre Umweltleistung freiwillig nach EU-Richtlinien prüfen. Die Gletscherbahnen Kaprun AG senken bei der Pistenpräparierung mit HVO als emissionsarmem Treibstoff den CO₂-Ausstoß um bis zu 90 Prozent. Das passiert seit Jahren, lange bevor daraus ein Kommunikationsthema wurde. Und sonst noch? In Kaprun liefern die Pumpspeicher- und Speicherkraftwerke der beiden Hochgebirgsstauseen saubere Energie für eine ganze Region und sparen jährlich über eine halbe Million Tonnen CO₂ ein. Auf dem Zeller See gleitet ab Sommer 2026 ein neues Elektroschiff geräuschlos übers Wasser.  

#6 Tölzer Land: Ranger statt Reiseführer 

Ob allein unterwegs oder mit Rangern auf Tour: Im Tölzer Land beginnt Naturschutz auf dem Weg . © Tölzer Land Tourismus, Farmhouse7  

Im Tölzer Land südlich von München braucht umweltfreundlicher Urlaub weder App noch Aufpreis. Er braucht einen Menschen, der sich auskennt, und ein Paar Wanderschuhe. Regelmäßig bieten Naturschutz-Ranger und Gebietsbetreuer Einheimischen und Gästen kostenfreie Wanderungen an — in Moore, Feuchtwiesen und an die Isar. Dorthin, wo der Flussuferläufer zwischen Kieselsteinen brütet und die Deutsche Tamariske an einem der letzten Wildflussabschnitte Mitteleuropas wächst — vergleichbar nur noch mit Soča und Tagliamento. Sie erklären, warum Kiesbänke keine leeren Flächen sind und weshalb man die Natur schon schützt, wenn man auf den Wegen bleibt. In den Loisach-Kochelsee-Mooren zeigen sie, wie diese Landschaft über Jahrtausende entstand und warum sie als CO₂-Speicher wertvoller ist als jeder Wald. Das Sommerprogramm läuft noch bis Oktober 2026 und ist kostenfrei buchbar. Auch für die kalte Jahreszeit sind bereits Touren geplant.  

#7 Irland: Zug um Zug ins Grüne   

Mehr als nur Transfer: Mit dem Zug an Irlands Küsten wird schon das Unterwegssein zum Reiseziel. © Tourism Ireland 
 

Wer Irland mit gutem Gewissen erleben möchte, beginnt schon bei der Anreise. Direktfähren ab Cherbourg, Roscoff oder Dünkirchen bringen Reisende entschleunigt auf die grüne Insel. An Land übernimmt Irish Rail. Das Bahnnetz verbindet nicht nur Städte wie Dublin, Cork und Galway, sondern führt auch durch kleinere Orte und entlegenere Landschaften. Statt aufs Navi zu schauen, heißt es zurücklehnen und aus dem Fenster blicken. Tipp: die Strecke von Derry~Londonderry nach Coleraine. Der Translink-Zug folgt der Causeway Coast, vorbei an Stränden, Klippen und dem Mussenden Temple hoch über dem Meer. Noch intensiver erlebt man die wilden Küsten Irlands mit dem Rad. Entspannt geht es auf den sogenannten Greenways zu, etwa auf dem Great Western Greenway von Westport nach Achill Island. Die Strecken entlang stillgelegter Trassen sind autofrei. Oder man steuert auf einem Hausboot gemächlich den Shannon entlang, dank HVO-Pflanzenkraftstoff sogar umweltbewusst. Die Irish Boat Rental Association stellt ihre Flotte schrittweise auf hydrierte Pflanzenöle aus Reststoffen um und reduziert die CO₂-Emissionen damit um rund 92 Prozent. 

#8 Fiji: 16.000 Kilometer weiter, dasselbe Prinzip

Eine Stunde für die Umwelt: Im Rahmen der Loloma Hour helfen Gäste in Fiji bei der Pflanzung von Mangroven und stärken so die Küstenökosysteme. © Tourism Fiji 

Und am anderen Ende der Welt funktioniert dieselbe Logik. Nur mit Korallenriffen statt Gletschern. Fiji hat Nachhaltigkeit nicht als Kampagnen-Claim entdeckt, sondern als gelebte Zukunftsarbeit. Angesichts des steigenden Meeresspiegels, von Zyklonen und der Korallenbleiche ist Klimaschutz für den Inselstaat mit seinen 333 Inseln keine abstrakte Haltung, sondern Teil des Alltags. Konkret heißt das: Die NGO „Corals for Conservation“ züchtet beispielsweise wärmeresistente Superkorallen und bildet lokale Korallenförster aus. Das jüngste Format: die Loloma Hour. Eine Art Happy Hour für Umwelt und Gemeinschaft. Gäste geben eine Stunde ihres Urlaubs für Mangrovenpflanzung, Beach Cleanups oder Korallenaufforstung. Nach nur einem Jahr: über 12.000 geleistete Stunden, mehr als das Doppelte des Ziels. Expedia hat Fiji dafür in der Kategorie „Best for Community“ auf die „Island Hot List 2025“ gesetzt. Wer fliegt, fliegt. Aber wohin und wie aktiv, macht einen Unterschied. 
 

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